BLOGSind wir vereint zur guten Stunde - eine FestredeDas kommt dabei heraus , wenn sich ein Literaturwissenschaftler - wenigstens einer, der Studentenverbindungen nicht ablehnend gegenüber steht - mit dem Kommersbuch befasst, ins Sinnieren über den Sinn des Lebens kommt, mit spezieller Betonung des korporativen Elements daran, und darüber eine Festrede schreibt. Wenn der Biermusiker vom Klavier aufsteht, um eine Rede zu halten, sollte klar sein, worum es geht – die Biermusik, genauer, das Kommersbuch. Für viele ein unbekanntes Wesen, bis auf wenige, regelmäßig benutzte Seiten. Und der Umgang mit dem Kommersbuch – lieblos... Wir singen auf Seite soundso – Buch auf. Lied ex – Buch zu, oft sogar schon vorher, und das sogar durch Comment motiviert, und damit hat sich die Beschäftigung mit dem Kommersbuch meistens erledigt. Aber es lohnt sich, nicht nur auf Kommando reinzuschauen, also nicht der Pflicht nur zu genügen. Man kann sich dadurch vor Überraschungen schützen, so der Präside bei dem schönen Lied Oh Tannenbaum, S. 75, der fröhlich weihnachtlich zur zweiten Strophe übergehen wollte, und was kam ? Oh Mägdelein, wie falsch ist dein Gemüte. Hätte er mal vorher reingeschaut... Man kann diverse Lieder finden, die wir seit Jahren nicht mehr oder sogar noch nie gesungen haben, und es würde uns nicht schaden, wenn wir den Kanon der geschätzten höchstens 15 Lieder, die wir hier regelmäßig singen, mal erweitern würden. Stehen noch einige im Kommersbuch. Aber auch in den Liedern, die wir standardmäßig singen, kann man Lebensweisheiten finden, die auch außerhalb des Kommerses Gültigkeit haben – wir sprechen ja nicht umsonst von der Bierbibel - und man kann anhand dieser Lebensweisheiten sich selbst und seinen Bund in Frage stellen und kommt dann in Abwandlung der Ikea-Werbung zu der Frage: Singst Du noch oder lebst Du es schon? Grundsätzlich zuvor: Alle Fragen, die das Kommersbuch stellt, muss ich mir auch selbst stellen, und es gibt genügend Fragen, die auch mich ratlos zurücklassen. Ich habe diese Fragestellungen nicht oder nur in Ausnahmefällen mit historischen Fakten unterfüttert. Ich bin Literaturwissenschaftler. Meine Fragestellung ist, welche Stellung ein Werk aus seinem historischen Kontext herausgelöst in der heutigen Welt hat. Es ist für mich nicht interessant, in welcher Situation oder aus welcher Motivation heraus ein Autor einen Satz geschrieben hat. Für mich als Dekonstruktivisten zählt, wie ich diesen Satz aus der heutigen Situation heraus lese. Aus diesem Blickwinkel habe ich mir die Lieder des Kommersbuchs angeschaut. Das Kommersbuch ist überreich an Stoffen. Ich wollte eine Festrede halten, aber das, was dabei herausgekommen ist, reicht für zwei, und wann immer ich das Kommersbuch zur Hand nehme, um nachzuschlagen, finde ich noch weitere Texte, die es Wert wären, angesprochen zu werden. Beginnen wir mit einer Reise durch die lustige Welt des Kommersbuchs. Anregungen zum Trinken, Singen und Schwärmen finden sich überreich und auf S. 244 bezeichnet der große Goethe das Trinken sogar als löbliches Tun. Ob er da grundsätzlich Recht hat, weiß ich nicht, aber hier und heute dürfte er die Mehrheit auf seiner Seite haben. Man ist auf jeden Fall sehr gesellig im Kommersbuch. Herbei, herbei, Du deutsche Burschenschaft auf S. 13 muss aber nun nicht unbedingt sein – wenigstens nicht alle auf einmal... Für die Bahnfahrer findet sich noch das bekannte Freunde trinkt in vollen Zügen auf S. 256 und der Autor von S. 347 Lasst mich trinken scheint von Bier bzw. Weinverbot bedroht zu sein. Lasst mich trinken, lasst von diesem Feuerwein immer neue Fluten sinken mir ins durstige Herz hinein. Ins durstige Herz - im Fach Anatomie hat der Kollege jedenfalls nicht aufgepasst. Wobei, das Ergebis teilt uns in jedem Fall Kurfürst Friedrich von der Pfalz auf S. 488 mit: Heute wieder voll gewest. Dabei ist das Ganze so lustig doch nicht wenn es nach S 188 geht. Sind wir vereint zur guten Stunde, wir starker deutscher Männerchor, so dringt aus jedem frohen Munde die Seele zum Gebet empor, denn wir sind hier in ernsten Dingen, mit hehrem, heiligem Gefühl, drum muss die volle Brust erklingen, ein volles, helles Saitenspiel. Ganz schön hoher Anspruch, wenn Ihr mich fragt... Abgesehen davon, dass zu der Zeit, als viele dieser Lieder geschrieben wurden, ein Gottesbezug offensichtlich normal war - Martin Luthers Ein feste Burg ist unser Gott findet sich auf S. 31, und auf S. 197 In allen guten Stunden findet sich das Thema ebenfalls: Uns hat ein Gott gesegnet – will der Autor nicht einfach nur feiern, kein geselliges Beisammensein schwebt ihm vor, nein, er macht aus einem Kommers, aus Kneipe, von so manchem mit dem Vorsatz begonnen, sich ordentlich zuzulöten, einen Gottesdienst. Von daher, alle, die ihr einfach nur zum Feiern hier seid, überlegt Euch mal, ob Ihr vielleicht auf der falschen Veranstaltung seid... Denn wir sind hier in ernsten Dingen... In mehreren Liedern wird die Schönheit des Vaterlands besungen, als Ganzes, aber auch seiner Teile. Der deutsche Regionalismus findet auch im Kommersbuch seinen Niederschlag – Und in Jene lebt sichs bene, Alt Marburg, wie bin ich Dir gut, Alt Heidelberg, ich könnte ewig weiter machen. Wie sich dies mit der regionalen Vielfalt innerhalb der Bünde verträgt, und inwiefern es immer noch Sinn macht, sich Landsmannschaft zu nennen, wenn die Bundesbrüder aus allen Teilen Deutschlands, ja, der Welt kommen, sei dahingestellt Das weibliche Geschlecht erscheint im Kommersbuch, traurig zu sagen, eher als Konsumgut, das es zu küssen gilt, über das weitere schweigt dann wenigstens des Sängers Höflichkeit. Deutlich demonstriert wird dies in dem Lied auf S. 451 Es zogen drei Burschen, wo die Einkehrenden folgende Bestellung aufgeben: Frau Wirtin, hat sie gut Bier und Wein? Wo hat Sie Ihr schönes Töchterlein? Es sei bemerkt, es geht hier nicht um das Ob, nur das Wo ist die Frage. Ob dies so der Realität entsprach und heute noch entspricht, ist in Frage zu stellen. Auch von Lieb umgeben ist Studentenleben S. 268 – der Krassfux Achenbach bei Bloehm bezeichnet dies denn auch als Rennomistenverse – was dann auch in damaliger Zeit wirklich dran war an den Geschichten mit Frau Wirtin ihr Töchterlein, und was heute an ähnlichen gern erzählten Geschichten dran ist, bleibt dahingestellt.. Und dann natürlich auch das Wandern, wozu man bemerken muss, dass Wandern früher grundsätzlich ein Teil des Studiums war, weil man durch den Aufenthalt an der Uni ja fast grundsätzlich mehrere Tagesreisen von zuhause entfernt war. Das Studium war wie die Wanderschaft der Handwerker eine Möglichkeit der Erweiterung des Gesichtskreises, die heute die Studenten zu Praktika nach Kanada oder auf die Philippinen treibt. Wie auf S. 422 schon Joseph Eichendorf schreibt, wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt. Oder wie es im Frankenlied auf S. 429 heißt, wohlauf, die Luft geht frisch und rein, wer lange sitzt muss rosten. Welcher Art diese Erweiterung des Gesichtskreises dann ist, ob man einem Mönch im Frankenland die Klause leersäuft oder einem Mädchen in Pillau Küsse rauben will, das bleibt jedem überlassen. Wichtig ist, dass man es tut, dass man der Pflicht nicht nur genügt, dass man auch mal seinen Studienort wechselt oder seinen Studienort bereits fern der Heimat wählt, um die Welt eben mal aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Wer lange sitzt muss rosten. Die zunehmende Verschulung des Studiums im Rahmen der Einführung des Bachelor / Master Systems ist nach ersten Erkenntnissen in dieser Hinsicht auf jeden Fall kontraproduktiv. Der tägliche Kleinkram fällt in Kommersliedern vollständig aus, das große Ganze beherrscht die Szene. Ist Euch einmal aufgefallen, dass der Bundesalltag, die Organisation, das tägliche Einerlei, die Kleinigkeiten in keinem der Kommerslieder vorkommen? Dass sie hier sogar explizit ausgeschlossen werden – Von keinen Kleinigkeiten wird unser Bund gestört - da geht's nur um Feiern, Trinken, Fechten, Vaterland, aber nie darum, wer dann hinterher aufräumt und das neue Bier bestellt. Die Autoren des Kommersbuchs bleiben bei solchen Themen lieber außen vor. Dabei sind es doch gerade die Bundesbrüder, die das tun, die für den Bund Dinge tun, die gerade nicht so besingbar sind, die Ämter übernehmen, die Chronik organisieren, die Kasse führen, die Bundeszeitung redigieren, die den Laden zusammenhalten, die gerade unser Lob verdienen, und nicht nur Häme und Spott, wenn es mal nicht passt. Zum Studium findet man vergleichsweise wenig, und wenn, dann wohlfeile Begründungen für die Vernachlässigung desselben. Auf dem Studentenleben liegt der Hauptakzent, wie auf S. 268 S'gibt kein schöner Leben als Studentenleben. Auch auf S. 294 Student sein findet sich keine einzige Bemerkung zum Studium an sich. Auf S. 284 geht's dann schon ums Examen... Ach, das Exmatrikulieren ist ein böses Ding, ja, ja. Ich war damals froh, als es endlich soweit war, mit dem Exmatikulieren. Vielleicht liegt es daran, dass die bunte Welt der Studenten so bunt einfach nicht mehr ist, oder vielleicht war sie auch nie so, wie es die Autoren des Kommersbuchs beschreiben. Nach meinem Eindruck geht der Konkurrenzkampf der post-akademischen Welt, die der Autor auf S. 14 beschreibt, heute schon an der Uni los: Wer jetzig Zeiten leben will, muss haben tapfres Herze – einer der wichtigsten Hinweise für das Überleben in der Berufswelt, und auch schon an der Uni, und in der zweiten Strophe geht der Autor in Bezug auf das berufliche Fortkommen ins Detail: Geld nur regiert die Welt, dazu verhilft betrügen. Nicht ganz so pessimistisch ist da der Autor von S. 74 Freut Euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht. Ob man sich in der Dunkelheit nicht freuen darf, oder ob der Autor davor warnt, sich die Lichter auszuschießen, wage ich hier nicht zu beurteilen. Auf jeden Fall, lasst Euch das von einem ausgemachten Bummelstudenten sagen, die Tätigkeiten, mit denen man S. 436 Ein Heller und ein Batzen verdienen kann, sind so schlimm nicht. Wenigstens, solange das alte Burschenherz nimmermehr erkaltet. Geblieben ist uns doch der Kern, und den lasst fest uns halten – bei den Alten Herren, die irgendwann meinen, den Kontakt zum Bund verloren zu haben und deswegen ihren Austritt erklären, kann man sich allerdings die Frage stellen, ob dieser Kern je wirklich da war. Haben sie nur gesungen, oder haben sie es auch gelebt? Klar, und wenn das Studium dann vorbei ist, ist es nicht mehr so einfach, den Kontakt zu halten, und die neu gegründete Familie und das Berufsleben fordern ihren Preis, und die Interessen ändern sich... Es ist ja so leicht, im Alltag aufzugehn – wir haben ja alle gesungen, Treu und furchtlos, fest verschworen, nicht im Alltag aufzugehn - ich habe natürlich die Zeile auch gern mit Nie vor Mittag aufzustehn beendet und sitze jetzt jeden Tag um Halb neun am Schreibtisch - aber dann ist es irgendwie passiert – man ist im Alltag aufgegangen, ein richtiger Philister, und der Bund rückt in die Ferne der Erinnerung... Dann redet man sich noch einige Jahre raus, dass man ja der Pflicht genügt, wenn man Beitrag zahlt – dabei heißt es doch S. 223 Nicht der Pflicht nur zu genügen – und dann hat sich das eben auch erledigt. Schade eigentlich. Dabei heißt es doch in unserem guten alten Alt Marburg, wie bin ich Dir gut auf S. 322 so schön und richtig, übrigens ein schönes Lied und schade, dass wir es nicht mehr singen: Und bin ich ein alter Geselle, und bleichte die Zeit mir mein Haar, so such ich noch einmal die Stelle, wo damals so glücklich ich war, seh still auf das alte Nest nieder und schwing dann jungselig den Hut... Stimmt ein in das Lied aller Lieder, Alt Marburg, wie bin ich Dir gut. Ich bin zwar Alter Herr, aber noch kein alter Geselle, und ich habe es auch noch nicht nötig, mir wie Altkanzler Schröder die Haare färben zu lassen, aber genauso geht es mir, wenn ich in Marburg aus dem Zug steige... Wir Verbindungsstudenten haben diese Chance, zurückzukommen und unsere Studienzeit neu zu erleben. Wobei, man kann nur etwas neu erleben, wenn man es gelebt hat. Wir haben nicht nur gesungen, wir haben es auch gelebt, und ich trinke darauf, dass dies noch in langen Jahren der Fall sein wird. S. 223 Nicht der Pflicht nur zu genügen. Alleine der Titel ist doch eigentlich eine Provokation. Wie oft habe ich auch hier auf dem Hause den Spruch gehört Ein kluges Pferd springt nicht höher als es muss – ein krasser Gegensatz. Da fragt man sich doch, mit welchem Recht singen wir dieses Lied? Haben wir je versucht, ihm gerecht zu werden? Das Kommersbuch beschert uns natürlich auch die genaue Antithese. S. 269 heute ist heut oder S. 266 Es leben die Studenten stets in den Tag hinein ist irgendwie nicht das selbe wie Nicht der Stunde nur zu leben, was sie nimmt und was sie dankt. Ein klarer Widerspruch. Wobei, Gebt dem Menschen, was des Menschen, doch lasst Gott, was Gott gehört. Nicht dem Kampf nur um Dein Morgen, auch Dir selbst sei etwas Wert – hier wird ja schon angedeutet, dass auch der, der üblicherweise der Pflicht nicht nur genügt, auch mal eine Pause einlegen muss, um sich im Kampf um sein Morgen nicht vollständig aufzureiben. Dann wird's allerdings lyrisch - auch Dir selbst, Freund, und der Jugend, die so stolz die Stirn Dir schirmt – wie habe ich mir das vorzustellen, wie schirmt man die Stirn, und vor allem wozu – und auf Feuerflügeln jauchzend unsere Seelen aufwärts stürmt – hier wird's kompliziert. Jauchzt die Jugend auf Feuerflügeln oder jauchzt sie, während sie auf Feuerflügeln unsere Seelen aufwärts stürmt, und, abgesehen davon, dass sich auch die Frage stellt, was der Sinn dabei sein soll, tut das nicht weh? Könnte die Jugend nicht wenigstens die Feuerflügel weglassen, um der Verbrennungsgefahr vorzubeugen? Ich weiß jetzt nicht, ob Euch die Fragen komisch vorkommen, aber ich habe sie mir jedes Mal gestellt, wenn ich dieses Lied gesungen habe. Beantwortet habe ich sie nie. Eigentlich gedankenlos. Einen hochinteressanten anderen Ansatz bezüglich dessen, was das Kommersbuch von einem Verbindungsstudenten erwartet, verfolgt auf S. 189 der altbekannte Gassenhauer Burschen heraus. Klar, man kennt die Geschichte aus der guten alten Zeit, dass man sich in einer Unistadt mit einem lauten Burschen heraus immer Hilfe herbeirufen konnte, wenn man unversehens mit einem Handwerksburschen zusammengeraten war, und wenn es gilt fürs Vaterland, treu die Klingen dann zu Hand, dass ist auch verständlich. Aber wie ist das mit Ruft um Hilf die Poesei gegen Zopf und Philisterei? Der Autor will etwas verändern, er schreitet gegen das Gehabte ein, gegen die alten Zöpfe. Kreativ, mit künstlerischen Mitteln will er der Gewohnheit die Stirn bieten. Anders will er sein, und er ist nicht einfach platt dagegen, sondern will gestalten. Daran könnte man sich deutlich ein Beispiel nehmen. Oft genug holt man sich allerdings einfach noch ein Bier und macht weiter wie vorher. Also genau das Gegenteil von dem, was der Autor will. Abgesehen davon, ist Euch einmal aufgefallen, dass im Kommersbuch kaum Lieder stehen, die nach den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts geschrieben wurden? Da ist offensichtlich irgendwann aufgehört worden, die Poesei um Hilfe zu rufen, oder es hat keiner zugehört. Natürlich muss man auch anmerken, dass das Kommerslied an sich irgendwie aus der Mode gekommen ist. Wenn heute ein Student ein Lied über sein Leben macht, dann rappt er wahrscheinlich. Die 68er haben ja auch Lieder hervorgebracht, das waren eben nicht unsere, weil wir nicht dabei waren in den Kommunen und später bei den AKW Blockaden und an der Startbahn West... Ich rede jetzt nicht der Unkultur der 68er das Wort. Nein, was ich beklage ist, dass wir den 68ern, den Krakeelern, den hirnlosen Gleichmachern, den Diskurs überlassen haben. Vor 68 waren die Verbindungen am Universitätsleben aktiv und offen beteiligt. Danach waren wir nur noch eine Fußnote und haben auf unseren Häusern gesessen und uns gewundert, dass unsere Kommilitonen uns nicht begriffen haben. Von wegen Burschen heraus... Draußen waren und sind andere, nur nicht die Burschen. Dabei wäre Was sollen wir trinken sieben Tage lang ein wunderschönes Kommerslied. Einige der 68er haben allerdings genau das getan, wovon auch mehrere Autoren des Kommersbuches träumen. Heute heißt das, man habe nach neuen Lebensformen gesucht. Alternative Lebensformen... Anfang des 18. Jahrhunderts waren die Burschenschaften, aus denen viele dieser Lieder entstammen, ebenfalls eine alternative Lebensform, was wir nicht vergessen dürfen. Wer lebt in unsrem Kreise und lebt nicht selig drin, genießt die freie Weise und treuen Brudersinn... Besser kann man eine Kommune nicht beschreiben... Treu und furchtlos, fest verschworen, nicht im Alltag aufzugehn... Und dann vor allem ein Satz: Von keinen Kleinigkeiten wird unser Bund gestört. Schön wärs, kann man da nur sagen. Wer den Satz geschrieben hat, hat noch keinen Konvent besucht. Man muss doch zugestehen, dass auch im Verbindungswesen die Lebensbahn von Grillen gedränget und von Zieren geenget wird. Aber so ist das mit Visionen, dass sie auf Annahmen basieren, die erst noch erreicht werden müssen. Es täte uns wirklich gut, weniger an die Kleinigkeiten zu denken und mehr zu schwärmen. Von keinen Kleinigkeiten wird unser Bund gestört... Vielleicht wäre das ja doch möglich... Auch heute könnte es eine Aufgabe der studentischen Korporationen sein, alternative Lebensformen zu jener kulturlosen und gleichmacherischen Welt dort draußen zu finden, jede Korporation auf ihre Weise. Es sollte allerdings klar sein, dass diese Suche nach alternativen Lebensformen nicht ohne Gefahr ist. Es ist bei Schwierigkeiten zu leicht, sich auf ein trotziges Nein, Ihr könnt uns nicht begreifen zurückzuziehen. Gewiss, ein gerne gesungenes Lied, mit einem immer noch hochaktuellen Anlass. Unsere Kritiker in Presse und Geschichtswerkstatt und alle anderen Philister können uns nicht begreifen. Sie wollen es auch nicht. Andererseits... Für den Verbindungsinsider entsteht aus dieser trotzigen Ablehnung eine schleichende Gefahr, nämlich die Gefahr, dass er sich selbst nicht mehr hinterfragt, dass er Karaffen säuft, zum Proleten in Barbourjacke, zum Penner mit Haus, zur Elite der Ignoranz verkommt und sich trotzdem als etwas Besseres vorkommt, während die restliche Welt nur noch den Kopf über ihn schüttelt. Und das teilweise sogar zurecht. Oder es besteht die Gefahr, dass wir unser Band tragen, dass wir unsere Lieder singen, ohne ihren Text wirklich hinterfragt zu haben, ohne genau zu wissen, was das denn nun ist, was die anderen nicht begreifen können, was diese Gedanken sind, die frei sind und uns keiner verbieten kann. Es besteht die Gefahr, dass Band und Mütze alles sind, was uns vom Rest der Welt unterscheidet. Man sollte im Auge behalten, dass diese Herrschaften, die uns nicht begreifen können, alles angreifen, was Band und Mütze trägt. Aber Band und Mütze alleine machen das Wesen des Verbindungsstudentischen nicht aus. Man muss es auch leben. Wer die studentischen Traditionen nicht lebt, wer sie teilweise noch nicht mal wirklich beherrscht, der sollte sich fragen, ob er sie wirklich bewahrt. Beziehungsweise, wenn er sie nicht bewahrt, ob er sie dann wenigstens weiterentwickelt, ob er, auf der Grundlage des Korporationswesens, alternative Lebensformen sucht. Ruft um Hilf die Poesei... Dann stellt sich wieder die Frage, Singst Du nur, oder lebst Du es schon?
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