Postkoloniale Diskurse in Francisco Sionil Joses Rosales SagaDies ist also das Thema des Projekts, das mich im Endeffekt zum Doktortitel geführt hat. 2001 markierte den Beginn und 2009 den Endpunkt einer langen Reise. Meine Dissertation ist inzwischen auf dem Dokumentenserver der FU Berlin online. Sie ist bei SEACOM Berlin im Rahmen der SEACOM Edition, Volume IX erschienen und wird hoffentlich in der nächsten Zeit auf Englisch bei University of Santo Tomas Press in Manila erscheinen.
Die Arbeit selbst brachte dann aber viel neue Überlegungen zu den wissenschaftlichen Diskursen des Postkolonialismus, die in mir, nicht zum ersten Mal, ein gewisses Gefühl der Frustration über die Art und Weise wachsen ließen, auf die wissenschaftliche Diskurse heutzutage scheinbar geführt werden. Die postkoloniale Theorie soll die Befindlichkeiten in den ehemals kolonisierten Gesellschaften abbilden, sie soll der Bevölkerung, dem einfachen Mann, der einfachen Frau, der postkolonialen Gesellschaften eine Stimme verliehen. Sie wird allerdings entscheidend durch Wissenschaftler geformt, die an Universitäten der Industriestaaten, vor allem der USA, lehren. Dass sich unter diesen Wissenschaftlern viele befinden, die den postkolonialen Gesellschaften entstammen, könnte zwar als positives Zeichen gedeutet werden. Es bleibt aber festzuhalten, dass selbst diese Wissenschaftler wenigstens durch ihren längerfristigen Aufenthalt in industrialisierten Staaten, durch ihre privilegierte Stellung und durch die grundlegende Abwesenheit materieller Not den direkten Kontakt zum einfachen Mann in ihrer Gesellschaft verloren haben, falls sie ihn je hatten, und daher nicht wirklich seine Stimme wiedergeben können. Ich erinnere mich noch an die Reaktion eines deutschen Universitätsmitglieds auf meine Argumentation, was die Menschen der Unterschicht in den Philippinen wirklich wollten sei ein Dach über dem Kopf und regelmäßige Mahlzeiten - "Aber das ist purer Materialismus!" - Genau das ist der Fall, selbst wenn es nicht unserer Sichtweise entspricht. Dass ich zu dieser Problematik in der wissenschaftlichen Literatur keinen Gedanken gefunden habe, stimmt mich schon etwas nachdenklich.
Und hier stellt sich für mich bereits eine der wichtigsten Problematiken der postkolonialen Theorie. In der Diskussion werden post-koloniale Gesellschaften als Block gesehen, die homogen und monolithisch in der Opferrolle verharren, während die ehemalige Kolonialmacht die Täterrolle zugewiesen bekommt. Dass es auch innerhalb der ursprünglichen Bevölkerung der Kolonien auch eine Oberschicht gab, die Nutzen aus der Anwesenheit der Kolonialmacht zog und durchaus in die Täterrolle wechseln konnte, wird hier ebenso verschwiegen wie die Tatsache, dass auch bei der ehemaligen Kolonialmacht Täter und Opfer des Kolonialismus zu finden sind. Der Dorfälteste, der im Auftrag der Kolonialmacht die Verwaltung auf unterer Ebene der Kolonie durchführte, war mit Sicherheit Täter und Nutznießer, selbst wenn er der Kolonialmacht untergeordnet war, denn sein Zugang zur Macht war, wenigsten eingeschränkt, vorhanden, und nicht selten ging gerade von diesen Klassen, die die eigentlichen Machtfunktionen innehatten, soweit es die kolonialen Subjekte direkt betraf, Rebellionen gegen die Kolonialmacht aus, weil gerade bei diesen Klassen ein wirkliches Verständnis der Kolonialen Strukturen vorhanden war. Und nicht selten übernahm gerade diese Gesellschaftsschicht, die bis dahin die Verwaltung der Kolonialmacht gestellt hatte, die Macht der ehemaligen Kolonien nach der Unabhängigkeit und führte die Geschäfte wie von der Kolonialmacht gewohnt weiter, was der These der generallen Subalternität der kolonialen Subjekte klar widerspricht. Natürlichweise verschafften sich im Zeitverlauf verschiedene Interessengruppen Zugang zum Diskurs und brachten die ihnen typischen Denkansätze in die Diskussion ein, sich gleichzeitig einen Raum in dieser wissenschaftlichen Gemeinde sichernd. Beispielhaft kann hier der Feminismus angeführt werden, der in einer Weiterentwicklung der Triple-Oppression-Theory davon ausging, dass Frauen unter der Bedingung des Kolonialismus sowohl aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Klasse und ihrer Ethnie unterdrückt wurden. Dass es nachweisbar in vielen Fällen kolonialer Gesellschaften eine deutlich geringere Unterdrückung der Frau aufgrund des Geschlechts gab, so beispielweise in vorherrschend moslemischen Ländern, dass es weiterhin Länder gibt, die sich aufgrund ihrer Geschlechterrollen der Beschreibung von einem westlichen Standpunkt entziehen, spielt in diesen Überlegungen keine Rolle, dies nur ein Beispiel, wie in der Diskussion der Bedingung des Postkolonialismus eine westlich geprägte Sichtweise vorherrscht, die Standpunkte, die dieser Sichtweise nicht entsprechen, negiert.
Ein ähnliches Problem existiert hinsichtlich der Reichweite des Begriffs der postkolonialen Literatur. Zu den postkolonialen Gesellschaften werden in der Diskussion Indien, die Karibik, Australien und Teile Afrikas gerechnet, und eine erregnete Diskussion entspinnt sich an der Frage, ob die USA zu den postkolonialen Nationen zu rechnen sind. Weite Teile Asiens fallen dabei unter den Tisch, was nur durch die Tatsache erklärt werden kann, dass in diesen Ländern keine Literatur in den großen europäischen Sprachen (vor allem Englisch und Französisch) entstanden ist - und auch, dass keine Literatur aus diesen Ländern in einem der großen amerikanischen und britischen Verlagshäuser erschienen ist. Die Behandlung der wissenschaftlichen Thematik des Postkolonialismus wird also durch den Umgang mit dieser Thematik beeinflusst, und das Ergebnis wird durch diesen Vorgang entscheidend verfälscht, so weit verfälscht, dass die Wertigkeit des Ergebnisses klar in Zweifel zu ziehen ist. Zu den Philippinen, speziell zu der Rosales Saga, kann man sich am Besten an Francisco Sionil Joses Satz halten, daß "ein Volk auch von seiner eigenen herrschenden Klasse kolonisiert" sein kann, was aus seinen Romane nachweisbar ist und durch die Realität bestätigt wird. Bezogen auf die wissenschaftliche Diskussion des Postkolonialismus bedeutet dies deutlich vereinfacht, dass die herrschende Klasse der Philippinen die Täterrolle zugewiesen bekommt und die Kolonialmacht aus der Täterrolle und in die Bedeutungslosigkeit entlassen wird - eine Grundannahme, die in der postkolonialen Theorie bislang nicht vorkommt. Die Arbeit ist von daher mit ihren rund 240 Seiten notgedrungen kontrovers, und ich mache mir keine großen Hoffnungen bezüglich ihrer Erfolgsaussichten in der wissenschaftlichen Gemeinde. Es soll aber keiner sagen, ich hätte es nicht versucht... |